|
500 Jahre Reiseliteratur und Reiseführer über Kalabrien | ||||
|
|
|
|
|||
Der italienische Germanist Teodoro Scamardi hat sich die Mühe gemacht, die in deutscher Sprache seit dem 16. Jahrhundert erschienen Reiseberichte und Reisebeschreibungen über Kalabrien zu sichten.
16. Jahrhundert: 1783: Die Sensationsreisenden Doch dieses Desinteresse ändert sich schlagartig: Als unvoreingenommener Beobachter der Bräuche, Gewohnheiten und Verhaltensweisen sowie der kommunikativen Struktur eines von ihm besuchten Ortes bemüht sich Johann Heinrich Bartels, das fremde Andere in seiner Besonderheit und Autonomie zu verstehen und zu erfassen. 19. Jahrhundert: Ende des 18. Jahrhunderts erfährt die Reise nach Kalabrien einen Einbruch: Die Aufmerksamkeit für die Region hervorgerufen durch das Erdbeben von 1783, lässt schnell nach und weicht einem andauernden Desinteresse. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts registriert man nur die Reise von Justus Tommasini, Geograf und Mathematiker aus Schwerin, der ein extrem realistisches Bild der Region zeichnet. Mit großer Aufmerksamkeit gegenüber der sozio-politischen Wirklichkeit in Kalabrien registrieren die deutschen Reisenden der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Marie Espérance von Schwartz, Gerhard von Rath, Waldemar Kaden) einhellig, wie eine große Hoffnung zerbricht: |
Teodoro Scamardi
|
||||
Die große Emigration Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts Am Beginn des Jahrhunderts gibt es große Auswandererwellen vor allem nach USA und Südamerika (Argentinien, Brasilien usw.), nach dem Zweiten Weltkrieg dann nach Deutschland und andere europäische Länder. Die Armut, die zur Massenemigration geführt hat, verhindert auch den Ausbau der Infrastruktur. Staatliche Hilfen (Cassa del Mezzogiorno, Landreform) ändern daran nur wenig. Teodoro Scamardi zieht in den 80er/90erJahren ein nüchternes Fazit über die Sicht der Deutschsprechenden auf Kalabrien: Der Durchschnittsdeutsche hat noch immer Mühe, die geschichtlich-kulturelle Identität der Region zu erfassen. Das Bewusstsein des künstlerischen Erbes von Kalabrien ist bis in die Siebzigerjahre hinein eher fragmentarisch. Obwohl sich heute in den deutschsprachigen Reiseführern das Inventar der touristisch interessanten Orte präsentiert, bemerkenswert reichhaltig im Gegensatz zu früher, hat es das touristische Angebot noch immer nicht leicht, seinen Adressaten zu erreichen, nicht zuletzt wegen der Beharrlichkeit von negativen Stereotypen.
|
|||||
|
|||||
Die große Reisewelle der Deutschen in den 50er-Jahren geht nicht bis Kalabrien In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts profitiert der Süden Italiens von der Italien-Reisewelle der Deutschen kaum. Erst allmählich kommen Bekannte der "Gastarbeiter" zu Besuch in den Süden, später auch deren Kinder und Enkel. Der Pauschaltourismus beginnt in den 90er-Jahren Mit Frosch-Reisen in München als Vorreiter beginnt der Pauschaltourismus in Kalabrien, der sich bis heute vor allem auf Tropea und Capo Vaticano konzentriert. Neue Zeiten - Kalabrien auf der Suche nach Identität In den 90er-Jahren beginnt - angeregt von innen und außen - eine Entwicklung, die eine Wiederentdeckung der kulturell-geschichtlichen Identität Kalabriens bewirkt. Die EU fördert diese Entwicklung konzeptionell und finanziell und betreibt die systematische Förderung des Tourismus in Kalabrien als Weg aus der Armut. Die Zahl der neu veröffentlichten Kalabrien-Reiseführer in deutscher Sprache steigt in den Jahren 2000 - 2009 sprunghaft an. |
|||||
| Kalabrien im Spiegel der deutschsprachigen Reiseführer und Reiseliteratur der letzten 50 Jahre | |||||
Ein Buch steht besonders für den Übergang vom "alten" zum "neuen" Kalabrien. Im Jahr 1967 erscheint das von Bettina Seipp verfasste Buch Ungehobener Schatz Kalabrien mit gut 100 Seiten im Als Bettina Seipp Kalabrien besucht, waren die Bronzen von Riace noch nicht gefunden. In Locri waren die Ausgrabungen gerade im Gange, und Gerace - heute eine der bestens bewahrten alten Städte Italiens - war in den 60er Jahren offensichtlich "ein Ort mit einer aus allen Winkeln hervorsickernden Untergangsschwermut." (S. 46) Die Exkurse, in denen Seipp sich auf längere Schilderungen einlässt, beziehen sich vor allem auf historisch bedeutsame Orte der Antike. Die soziale Not der Bevölkerung bleibt trotz einiger Ausführungen zu Emigration usw. abstrakter Hintergrund einer hoffentlich besseren Zukunft. So lässt sie auch die Themen Torre Melissa (Bauernaufstand) und den gesamten Bereich der N'drangheta unerwähnt, möglicherweise auch aus strategischen Gründen, um die alten Vorurteile nicht wieder in den Vordergrund treten zu lassen. |
![]() |
||||
| Der Große Polyglott Italien von 1981 orientiert sich noch am alten Sternesystem der Sehenswürdigkeiten. Bei den drei vorgestellten Reiserouten, die Kalabrien betreffen, findet sich keine einzige Sehenswürdigkeit "ersten Ranges" (drei Sterne), und auch die "bedeutenden" Sehenswürdigkeiten sind sparsam vertreten (Sila-Gebirge, Codex Purpureus in Rossano und Museo Nazionale della Magna Graecia in Reggio di Calabria). Als "sehenswert" (ein Stern) sind immerhin 28 Orte kategorisiert. Interessant dabei ist, dass beispielsweise Paola, Catanzaro, Sibari und Serra San Bruno überhaupt keinen Stern erhalten. Mit dem "Große Polyglott Italien" ist die alte Generation von Reiseführern, die sich an Baedeker orientiert und vor allem auf den kunsthistorisch gebildeten Reisenden abheben, an ihr Ende gekommen. Immerhin stellen die Verfasser fest, dass sich das Italienbild gewandelt hat: Nord- und Mittelitalien ist durch die Industrialisierung praktisch "europäisiert" und hat damit etwas von seiner Ursprünglichkeit verloren. Hier wird auch das Nord-Südproblem Italiens "mit speziellen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Aspekten" angesprochen. Der Abschnitt über die Mezzogiorno-Problematik entdet mit der klugen Formulierung "Der gesamte italienische Süden befindet sich im Umbruch, wirtschaftlich und sozial." |
![]() |
||||
| Mit Hans Bausenhardt's Reisehandbuch Süditalien, erschienen im Verlag Martin Velbinger 1983 verändert sich die Perspektive. Unbelastet von strengen kulturhistorischen Vorgaben erfährt der (Rucksack)Reisende Land und Leute so wie sie der Verfasser erlebt und in einer teils flapsigen Sprache weitergibt. Jetzt wird die Region nicht mehr einem weltweit gültigen Bewertungssystem unterworfen (bei dem sie eher weniger gut weg kam), sondern die Erfahrung des Reisenden selbst ist der Maßstab der Dinge. Eindrücke - auch subjektive - werden geschildert, Wanderungen werden beschrieben, auch dort, wo noch nie ein Wegweiser stand, mit einem Flair von Abenteuer- und Entdeckertum. Dabei zeigt sich Bausenhardt's Vorliebe für bestimmte Zonen, beispielsweise den Pollino. Mit dem Pollino-Gebirge leitet Bausenhardt die rund 100 Seiten (von ca 400 insgesamt) über Kalabrien ein. Zur Erscheinungszeit des Reiseführers sind die Bronzekrieger von Riace bereits entdeckt und werden deshalb auch von Bausenhardt erwähnt. Ausführlich geht Bausenhardt auf die Sozialgeschichte Kalabriens ein (S. 262 und 267) . Interessant sind die Sicherheitsempfehlungen für Reisende: In den 80erJahren gab es im Aspromonte einige spektakuläre Entführungen mit Lösegeldforderungen, deshalb war die Vorsicht durchaus berechtigt, beispielsweise, wenn Bausenhardt rät, im Aspromonte nachts nicht unterwegs zu sein und Warnungen von Einheimischen ernst zu nehmen. Insgesamt hat Bausenhardt einen recht nüchternen und kritischen Blick auf Kalabrien und die Kalabresen. |
![]() |
||||
Mit dem In seinem Vorwort - das in der 2008 erschienen farbigen Neuauflage gleichgeblieben ist - schreibt Amann:. "Der Süden Italiens besitzt Reichtümer, die der wirtschaftlich entwickeltere Norden Einzelreisende schätzen nicht zuletzt die detaillierten Angaben auch im Kleinen, was den öffentlichen Nahverkehr betrifft. |
![]() |
||||
Ebenfalls 2003 erscheint im |
![]() |
||||
| Zwei weitere Reiseführer sind in Umfang und Aufmachung miteinander vergleichbar: Ilona Wittens Dumont-Reisetaschenbuch Kalabrien (2001) und der Reiseführer Kalabrien & Basilikata von Annette Krus-Bonazza, erschienen ebenfalls 2001 im Michael-Müller-Verlag. Anette Krus-Bonazza stellt in ihrem Vorwort fest: "Kalabrien ... ist zwar keine 'leichte Touristenkost', aber trotzdem oder vielleicht sogar gerade deswegen eine Reise wert. Nicht zuletzt sind es die Begegnungen mit den hier lebenden Menschen, die Freundlichkeit und die als sacra - heilig erachtete Gastfreundschaft, die eine Reise ans 'Ende Italiens' zum unvergesslichen Erlebnis machen." Welch neuer Ton im Vergleich zu den Reisenden voriger Jahrhunderte, die vor allem die Natur schätzten und die Menschen in Kalabrien allenfalls bedauerten! Krus-Bonazza tritt darüber hinaus den verbreiteten Vorurteilen vehement entgegen und konstatiert eine gewisse Aufbruchsstimmung in Kalabrien (S. 20) Wie bei Amann sind bei beiden Reisebüchern zahlreiche Exkurse zu wichtigen Themen zu finden, und wie er verzichten beide auf die Sterne-Bewertung von Sehenswürdigkeiten. |
|||||
![]() |
|||||
![]() |
|||||
| Und dann gibt es in den letzten Jahren einige kleine Reiseführer für den "Normalverbraucher" | |||||
Peter Amann verfasste für Merian live! ein 125 Seiten-Buch Kalabrien , mit den "Merian-Top Ten" und den "Merian-Tipps". Damit kehrt die Sternebewertung von damals für den Normalreisenden in neuer Form zurück. Trotz der Kürze nimmt sich Amann Zeit für ein Vorwort und schreibt auf S.6: < "... Kalabrien ist auch der menschlich warme Süden Italiens, mit einer Gastfreundschaft, die häufig beschämt. Und schließlich besitzt Kalabrien Reichtümer, die wirtschaftlich entwickeltere Regionen des Nordens längst verloren haben: eine weitgehend intakte Natur, Zeit, Raum und Ruhe." |
![]() |
||||
| Ebenfalls aus der Feder von Peter Amann stammt der Marco-Polo-Reiseführer Kalabrien. Hier kommt zur Abwechslung der Autor einmal in Interview-Form zu Wort (s.127). Aus "Top Ten" werden hier nun 15 "Highlights", dabei tauscht Amann einige Sehenswürdigkeiten aus, die er im Merian-live-Büchlein zu den Top Ten gezählt hat. Zusätzlich nennt Amann hier: Raganello - Cosenza - Lungomare in Reggio - Pentedattilo - Stilo und Le Castella. Aus den "Merian-Tipps" werden 15 "Insider-Tipps". Die Aufmachung ist auf ein junges bzw. junggebliebenes Publikum ausgerichtet. Jedesmal von Neuem gerät Amann ins Schwärmen, wenn er über Kalabrien erzählt, hier auf den Seiten 6-11. |
![]() |
||||
| Zu den "Kleinen" zählt schließlich auch der Polyglott ontour Apulien - Kalabrien von Monika Pelz mit 104 Seiten, der dann aber doch mehr über Apulien und weniger über Kalabrien bringt. Monika Pelz bedient sich - in der Knappheit sicher ein hilfreiches Instrument - der alten Sternebewertung der Sehenswürdigkeiten. Trotz einiger guter Exkurse kann vieles in der Kürze nicht oder kaum angesprochen werden. |
![]() |
||||
Mit dem Rotter schwelgt nun gleich zu Anfang zwei Seiten lang in seiner Schilderung eines "entrückten Europa, eines nicht mehr für möglich gehaltenen Italien." |
![]() |
||||
Im Jahr 2010 veröffentlicht Ilona Witten ein neues Dumont-Reise-Taschenbuch Kalabrien (€14,95). |
![]() Ilona Witten - aktuellste Version |
||||
| Als Brücke zwischen dem deutschen Sprachraum und Kalabrien ist das regional ausgerichtete Lese- und Reisebuch Sila Greca - Sila Ionica entstanden. Kinder und Enkel der "Gastarbeiter"-Generation können durch dieses Buch mehr erfahren über die ursprüngliche Heimat ihrer Familie. Außerdem eröffnet das Buch dem deutschsprachigen Publikum einen Zugang zur ursprünglichen Schönheit und Gastfreundschaft dieses Landstrichs im Abseits der großen Verkehrs- und Touristenströme. Wie unter einer Lupe wird auch die kleinste Gemeinde in der Sila Greca vorgestellt. Das Besondere des Projekts: Zahlreiche kalabresische Familien, die in Deutschland leben, haben unter der Federführung des Autors Thomas Raiser mit Geschichten, Zeichnungen und Materialsuche zur Entstehung des Buches beigetragen. Von vornherein war klar, dass ein solches Projekt nur durch Zuschüsse möglich ist, die dann auch von Seiten der Comunità Montana Sila Greca und der Kath. Kirche Fellbach erfolgten. Für das Buch wurde eigens der Verlag edition semplicità gegründet - es blieb aber bisher auch das einzige Buch des Verlages. | |||||
![]() |
|||||
Auch das Buch Ein Europäer aus Kalabrien. Biografisch-spirituell-touristischer Begleiter auf den Spuren von Franziskus von Paola, verfasst von Thomas Raiser, will eine Verbindung schaffen zwischen Kalabrien und dem deutschen Sprachraum. Anknüpfungspunkt ist hier Franz von Paola, dessen Paulanerorden vor rund 500 Jahren auch Klöster in München und Wien hatte, und das Paulanerbier, das nach den Paulanermönchen benannt ist. |
![]() |
||||
Thomas Raiser
|
|||||