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Migration und Seelsorge

Heimat gewinnen

Zur aktuellen Situation italienischstämmiger Familien
in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

von Thomas Raiser

Teil 1
Lebenswirklichkeit italienischstämmiger Familien in Baden-Württemberg
a) Zahlen: Italienische Einwohner in Baden-Württemberg
b) Italienischstämmige junge Eltern in Baden-Württemberg
c) Migrationsgewinner – Migrationsverlierer
d) Gute Aussichten für die große Mehrheit
e) Hoher Begleitungsbedarf für eine Minderheit

Teil 2
Der Übergang von den Missionen zu den muttersprachlichen Gemeinden

a) Der Übergang von der Mission zur muttersprachlichen Gemeinde ist so gut wie abgeschlossen
b) Die aktuelle Situation
c) Was man tun könnte

 

Teil 1: Lebenswirklichkeit italienischstämmiger Familien
in Baden-Württemberg

a) Zahlen: Italienische Einwohner in Baden-Württemberg

Deutschlandweit gibt es 2008 523 162 italienische Staatsbürger.
Im gleichen Jahr gab es 22 449 Neuzuzüge, also rund 5 %, sowie 28 319 Wegzüge, also rund 7 %.
Nun muss man aber dazurechnen, dass die rund 5000 neugeborenen italienischstämmigen Kinder bis zu ihrem 18. Lebensjahr als Deutsche gezählt werden.

In Baden-Württemberg gab es 2008 rund 161 527 italienischstämmige Mitbürger, davon sind 7200 mit einem deutschen Partner oder einer deutschen Partnerin verheiratet. Pro Jahr werden im Schnitt ca 1600 Kinder geboren, die in einer italienischstämmigen oder deutsch-italienischen Familie aufwachsen.

b) Italienischstämmige junge Eltern in Baden-Württemberg

Die jungen Eltern, mit denen wir es heute zu tun haben, lassen sich folgendermaßen charakterisieren:

+ Die größte Gruppe unter ihnen sind Kinder und Enkel der ersten Gastarbeitergeneration, die in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zugewandert ist.
Sie haben mehrheitlich einen Partner/eine Partnerin gewählt, der bzw. die ebenfalls aus der zweiten oder dritten Generation der Einwanderer stammt. (Gruppe 1)

+ Eine kleinere Gruppe hat eine/n deutsche/n Partner/in. (Gruppe 2)
+ Eine weitere kleinere Gruppe hat eine/n Partner/in aus einem Mittelmeeranrainerland inkl. Türkei oder aus einem anderen Herkunftsland. (Gruppe 3)

+ Ca 5 – 10 % eines Jahrgangs heiratet eine/n Partner/in, der/die in Italien aufgewachsen ist und nun zur Familiengründung nach Deutschland kommt. Für diesen Partner beginnt der Einwanderungsprozess ganz von vorne. (Gruppe 4)

+ Zunehmend begegnet man italienischen Studenten und Familien, die mit abgeschlossener Ausbildung oder Studium nach Deutschland kommen. (Gruppe 5)

c) Migrationsgewinner – Migrationsverlierer

Gelungene Migration
Wir können davon ausgehen, dass rund 80% der italienischen Familien in der zweiten oder dritten Generation die soziale Integration vollzogen haben. Für sie ist die Situation der Auswanderung also eine Win-Situation, selbst wenn dies drei Generationen gedauert hat. Von einer gelungenen Migration sprechen wir, wenn die Migration zu sozialer Sicherheit oder zu sozialem Aufstieg führt. Neben der wirtschaftlich- sozialen Seite gibt es natürlich noch andere Gesichtspunkte; sei es die menschliche Akzeptanz, die Bereicherung der deutschen Gesellschaft durch den Reichtum der italienischen Tradition und Lultur usw.

Für diejenigen, die mit italienischen Familien zu tun haben, ergibt sich daraus:

Der größere Teil der Eltern der zweiten und dritten Generation, die jetzt in die Familiengründungsphase einsteigt, braucht allenfalls Ermutigung und Bestärkung, die Möglichkeiten anzunehmen und aktiv wahrzunehmen, die sich hier in Baden-Württemberg bieten. Bedingt durch Berufstätigkeit und Schule geht die italienische Prägung zurück, die Sprachprobleme existieren nicht mehr und häufig gibt es einen kulturell gemischten Bekanntenkreis. Es werden Wohnungen gekauft und Existenzen gegründet. Auch zeitweilige Arbeitslosigkeit bringt diese Familien nicht wirklich aus dem Gleichgewicht.

d) Gute Aussichten für die große Mehrheit

Die jungen Erwachsenen der zweiten und dritten Generation gehen nun deutlich besser vorbereitet in die Familiengründungsphase als ihre Eltern oder Großeltern: Sie kennen das deutsche Erziehungs- und Bildungssystem, sie beherrschen die Sprache in Wort und Schrift und können daher theoretisch am Leben von Kindergarten und Schule teilnehmen. Sie haben dadurch Zugang zu allen Fördermöglichkeiten, die auch der deutschen Bevölkerung offenstehen, sie fühlen sich und sind zu einem großen Teil einheimisch. Man kann deshalb annehmen, dass sich in der kommenden Elterngeneration ein quantitativer Sprung vollzieht, was den Schul- und Bildungserfolg betrifft, und zwar bei geschätzten 70 – 80 % eines Jahrgangs.

e) Begleitung für eine Minderheit

Umgezielt handeln zu können, ist nun wichtig zu sehen,wer die "Verlierer" der Migration sind, die ja schließlich vom Evangelium aus gesehen Mittelpunkt christlichen Handelns sind.
Es gibt familiäre und persönliche Notlagen, die spezifisch durch die Situation der Migration bestimmt sind - bis hinein in Fragen von Gesundheit und Krankheit. Die Situation der Migration kann das Leben einer Familie so überlagern, dass Erziehung und Bildung hinter anderen Notwendigkeiten zurückstehen müssen, wodurch langfristig für Kinder (und für Eltern) Nachteile entstehen können.
Charakteristisch ist auch, dass es Migranten gibt, die keine Schulbildung haben oder aus Familien stammen, die seit Generationen von Armut und anderen Einschränkungen betroffen sind. Entsprechende geringe soziale Anerkennung schwächt die Identität und verhindert die Integration.
Um hier entgegenzuwirken braucht es Übergangsräume und viel Zuwendung, um durch Trauerarbeit die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen zu erleichtern und die Bildung einer neuen starken Identität zu fördern. Dabei ist es weniger die kulturelle Fremdheit, die solche Not verursacht, sondern der niedrigere soziale Status, der die Migranten auf Dauer zu Fremden machen kann.
In der zweiten und dritten Generation der Zuwanderung werden die Probleme denen vergleichbarer deutscher Familien ähnlicher und sind in der Regel nicht mehr durch die andere Herkunftskultur bedingt.
Dabei sind neben den Defiziten die Fortschritte zu sehen: Ein abgeschlossener Förderschulbesuch ist für einen Jugendlichen u.U. 100% mehr Schulbildung im Vergleich zu seinen Eltern.

Teil 2: Der Übergang von den Missionen zu den muttersprachlichen Gemeinden

a) Der Übergang von der Mission zur muttersprachlichen Gemeinde ist so gut wie abgeschlossen

Im Bereich der Gemeindestruktur entwickelte die Diözese Rottenburg Stuttgart folgenden Weg zu einem neuen Miteinander: Gibt es in einer Seelsorgeeinheit eine relativ große Anzahl von Menschen gleicher nationaler Herkunft, so sollen diese eine rechtlich eigenständige "Gemeinde anderer Muttersprache" bilden. Dazu wählen sie ein Vertretungsgremium, den Pastoralrat, aus dem wiederum Vertreter in den gemeinsamen Ausschuss der Seelsorgeeinheit entsandt werden. Auch wenn dieser Weg vielfach kritisch gesehen wird: Er stellt doch sicher, dass die entsprechende Gruppe in aller Freiheit entscheiden darf, wie der Weg der Integration aussieht und wie sie ihre religiös-kulturelle Eigenart bewahren bzw. einbringen kann. Gleichzeitig ist angestrebt, dass Gemeinsamkeit über die verschiedenen nationalen Gruppen hinweg wächst.

Für die erste und zweite Einwanderergeneration fiel diese Umstellung nicht leicht. Die Jugendarbeit der Missionen bot den Jugendlichen einen geschützten Erlebnisraum, und den Eltern die Sicherheit, dass ihre Kinder entsprechend der von den Eltern geschätzten italienischen kulturellen und sozialen Werte betreut und gebildet werden. Auch der muttersprachliche Unterricht des Konsulats bot ein ähnliches "Biotop" der "italianità".

Mit der Absicht der Familien, länger oder auf Dauer in Deutschland zu bleiben, ist aber die Notwendigkeit gewachsen, sich sprachlich, kulturell und wirtschaftlich auf den neuen Lebensraum einzulassen. Im Rückblick bedauern viele Familien, dass sie ihre Kräfte auf den Hausbau in Italien konzentriert und in Deutschland in oft sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt haben.

Für die langjährigen MitarbeiterInnen der Missionen war der Umbau zu muttersprachlichen Gemeinden ein sehr schmerzlicher Prozess. Räumlich und finanziell waren die Missionen von der Diözese Rottenburg-Stuttgart hervorragend ausgestattet. Zwischenzeitlich haben die muttersprachlichen Gemeinden in teils mühsamen, teils großzügig gestalteten Prozessen ihren Ort in einer Seelsorgeeinheit gefunden.

Die Kooperation mit den anderen Kirchengemeinden der Seelsorgeeinheit gab es auch schon früher, doch nun bekam sie eine neue Struktur: Im "Gemeinsamen Ausschuss" sitzen die VertreterInnen der muttersprachlichen Gemeinden gleichberechtigt mit den VertreterInnen anderer Gemeinden an einem Tisch. Was im GA tatsächlich Wichtiges zu entscheiden ist, ist allerdings - nicht nur für die muttersprachlichen Gemeinden - noch ziemlich unklar; immerhin werden dort die Pastoral der Gemeinden abgestimmt und Perspektiven für eine abgestimmte Seelsorge entwickelt - zumindest wäre das möglich.

In ihrer Bedeutung relativiert werden die muttersprachlichen Gemeinden allerdings dadurch, dass sie nur noch über die Sachmittel bestimmen können (ca plusminus 4000 Euro pro Halbjahr); die Infrastrukturmittel verwaltet die sogenannte Belegenheitsgemeinde. Gespendete Sakramente werden vollgültig nur noch mit Nummer eingetragen in der Pfarrei , in der das Sakrament gespendet wird.

Diese Einschränkungen können aber auch als Vorteil gesehen werden, denn sie vermeiden beachtlichen Verwaltungsaufwand für die Muttersprachler.

b) Die aktuelle Situation

Der Prozess der Inkulturation bleibt aber nicht stehen. In manchen muttersprachlichen Gemeinden wurde viele Jahre Vorbereitung von Erstkommunion und Firmung mit großem Erfolg angeboten. Doch zunehmend gelingt es den Eltern nicht mehr, ihre Kinderund Jugendlichen für eine muttersprachliche Vorbereitung zu gewinnen. Ein Grund sind die Klassenkameraden, die in den Ortsgemeinden zu der Sakramentenvorbereitung gehen. Ein zweiter Grund sind die zunehmend schlechteren Sprachkenntnisse der Kinder und Jugendlichen in der Sprache des Herkunftslandes von Eltern oder Großeltern; hier haben sie Angst sich vor den andern zu blamieren. So konnte in Schorndorf 2011 kein einziges Kind zur Erstkommunionvorbereitung in der muttersprachlichen Gemeinde gefunden werden und nur ein Firmling, der dann zur Ortsgemeinde vermittelt wurde. Die Gruppe der Waiblinger Firmlinge bestand zu einem großen Teil aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in der Wohngemeinde die Vorbereitung verpasst hatten und sie nun später nachholen wollten. Damit fällt die Sakramentenvorbereitung als Ansatzpunkt für Kinder- und Jugendarbeit zunehmend weg, was auch für den Gottesdienstbesuch eine nicht unwichtige Rolle spielt.
Eine weiterhin große Akzeptanz haben Taufen bzw. die Taufvorbereitung für eine Taufe in Italien sowie die Ehevorbereitung, die teilweise in den muttersprachlichen Gemeinden deutlich ausführlicher gestaltet wird als in den Kursen der Dekanate und Bildungswerke. Auch für Haussegnungen und bei Sterbefällen und Totengedenken wird die Gemeinde beansprucht. Gut angenommen sind kulturelle Angebote wie Folklore- und Tanzgruppe für Kinder, wie überhaupt Kindergruppen, die häufig die Feste des Kirchenjahres in der muttersprachlichen Gemeinde mitgestalten.

Sehr hilfreich sind die Teilnahme der pastoralen MitarbeiterInnen der muttersprachlichen Gemeinden am Pastoralteam der Seelsorgeeinheit; dadurch entsteht ein natürlicher Austausch. Auch die Nähe der Pfarrbüros von muttersprachlicher Gemeinde und Belegenheitsgemeinde hat sich bewährt und wäre zunehmend anzustreben, um Doppelungen und Missverständnisse zuvermeiden.

Im Sekretariat einer muttersprachlichen Gemeinde bezieht sich ein großerTeil der telefonischen Anfragen auf Taufe und Heirat sowie auf Taufbescheinigungen. Dabei zeigt sich, dass die jungen Erwachsenen bei solchen Anrufen sehr gerne vom Italienischen ins Deutsche wechseln, wenn sie merken, dass ihr Gegenüber deutsch spricht. Die italienische Mentalität ist ihnen im Raum der Familie noch ansatzmäßig geläufig; doch außerhalb der Familie sind sie stark von deutscher Schule und deutschem Berufsleben geprägt. Ausnahmen gibt es dort, wo ganze Familienverbände in der gleichen (Bau-)Firma arbeiten und dadurch auch beruflich nicht deutsch sprechen müssen.

c) Was man tun könnte

Der Ansatz der Diözese, das Recht auf muttersprachliche Seelsorge mit Hilfe muttersprachlicher Gemeinden zu sichern, war aber nicht in erster Linie als Integrations- und Assimilationsinstrument gedacht. Vielmehr sollte es den Ortsgemeinden ermöglichen, mit den Katholiken anderer Muttersprache in einen fruchtbaren Austausch zu treten. Dieser Aspekt kommt meiner Meinung nach bisher nur ungenügend zum Tragen. Allerdings ist für einen echten pastoralen Dialog die einzelne muttersprachliche Gemeinde überfordert; hier wäre die Diözese gefragt, das spritiuell-pastorale Erbe der Zuwanderer zu erheben und fruchtbar zumachen. Das diesbezügliche häufige Desinteresse wird von den Zuwanderer-Seelsorgern immer wieder bedauert.

Schon jetzt ist abzusehen: Die zunehmende soziale Integration der dritten Generation wird zu einer Schwächung vor allem der kleinen muttersprachlichen Gemeinden führen. Es wird eine Tendenz geben zur Rückkehr zu zentralen Gemeinden für die Neuzuwanderer und weiterhin an einem muttersprachlichen Gottesdienst interessierte Katholiken .

Um zu verhindern, dass die muttersprachlich geprägten Katholiken aus der Seelsorge herausfallen, könnte die Beachtung folgender Aspekte hilfreich sein:

- Die sprachlich qualifizierten pastoralen MitarbeiterInnen, die nicht in der Migrantenpastoral tätig sind, wären als Ansprechpartner stärker zu profilieren (hier im Dekanat Rems-Murr z.B. ein afrikan. Priester, ein Vizedekan und eine frühere Pastoralreferentin einer ital. Gemeinde, alle drei dezentral im Dekanat verteilt).

- Die zunehmende Kooperation zwischen Ortsgemeinde und Muttersprachlern bzw. Zuwanderern ingesamt einer SSE soll in der Kooperationsvereinbarung verankern werden bzw.können Zielvorstellungen und Wege zur Umsetzung entwickelt werden.

- Die Ortsgemeinden selbst sollen aktivere Partner in der Frage einer organisatorisch - spirituell - kulturellen Zusammenarbeit werden.

- Zusammenarbeit in den Integrationsprojekten der Kommunen ermöglicht auch der Kirchengemeinde Kontakte zu Migranten.

- Das Thema der Beheimatung aller Einheimischen und Zugewanderten einer Seelsorgeeinheit gezielter in den Blick nehmen (Beispiel: Heimat - Jahr in der Kirchengemeinde St. Salvator Stuttgart-Giebel, Pater Konrad Werder)

- Die diözesanen Angebote (Wallfahrten, Bildung/Fortbildung usw.) für die Zukunft profilieren.

- einen Ersatz für die eingestellte Zeitschrift CONTATTI schaffen.

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© Thomas Raiser 2011

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