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Pietrapaola Der wie so viele Orte der Sila Greca zweigeteilte Pietrapaola besitzt einen alten Ortskern im Landesinnern sowie einen neueren Ortsteil Pietrapaola Marina am Ionischen Meer. Hier, an der Bahnstrecke Taranto - Sibari - Crotone, und an der Staatsstraße 106 spielt sich heute das hauptsächliche Leben ab. Der alte Ort mit den ihn überragenden zwei Felsen hat etwas Charakteristisches, das ihn von den andern Dörfern unterscheidet. Insbesondere die vielen Felshöhlen, die heute als Ställe dienen, fallen auf. Zu besichtigen ist die Grotta del Principe. Die besondere Lage des alten Ortskerns hat zu einer vermehrten Abwanderung an die Küste geführt, so dass die Einwohnerzahl stark zurückgegangen ist. Wie alle anderen Orte emigrierten viele Leute aus Pietrapaola u. a. Nach Deutschland, z.B. auch nach Warstein, woraus sich eine Städtefreundschaft zwischen Warstein und Pietrapaola entwickelt hat, die bis heute lebhaft gepflegt wird. Inzwischen
berichtet eine schöne und informative Website in deutscher und italienischer
Sprache über diese Städtebeziehung:
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Ein im Jahr 2004 erschienenes zweisprachiges Buch erzählt ausführlich die Geschichte von Pietrapaola und beschreibt die Sehenswürdigkeiten. (habe ich erhalten durch Herrn Peter Aschberger) | ||
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Mario Giordano hat 1996 ein Buch über Pietrapaola verfasst und im Selbstverlag herausgegeben: PIETRAPAOLA,
lineamenti di archeologia e storia locale Mario Giordano wurde am 15. Mai 1973 in Pietrapaola geboren und studierte Ingenieurwissenschaften an der Universität von Kalabrien in Cosenza. Mit vierzehn Jahren, so schreibt er in seinem Vorwort, habe er seine Nachforschungen begonnen, um seine persönliche Neugier zu befriedigen, die ihm bis dato erhalten blieb. Örtliche Heimatforscher und Archäologen haben seine Forschungen unterstützt, die Gemeinde Pietrapaola hat die Herausgabe des Buches mitfinanziert. In seinem Buch findet sich u.a. ein Aufsatz des Journalisten Giovanni Russo, geb. 1925 in der Provinz Salerno. Giovanni Russo hat sich seit den 50erJahren mit der Frage des Mezzogiorno befasst, also der wirtschaftlichen und sozialen Benachteiligung der südlichen Regionen. Lange Jahre war er Korrespondent des Corriere della Sera und hat aus dem Süden berichtet. Er war bekannt mit Carlo Levi (Christus kam nur bis Eboli) und anderen Schriftstellern, die sich dem Süden Italiens verschrieben haben. In dem zitierten Artikel schreibt G. Russo über eine Reise nach Pietrapaola im Jahr 1949 (I figli del Sud, 1973, zitiert bei Mario Giordano S. 111 ff). Seine Erfahrungen machen verständlich, warum wenige Jahre danach die große Welle der Emigration einsetzte. Die Stationen der Eisenbahnstrecke Sibari - Crotone tragen die Namen unsichtbarer Orte, die sich hinter den Höhenzügen des Vorgebirges verstecken. Pietrapaola ist eines dieser Dörfer, 60 km von Crotone entfernt, und sein Bahnhof ist einer der vielen kleinen Würfel, hingesät entlang der Strecke ins offene Gelände, nahe am Meer, Einöde, von der aus die Möwen gelegentlich bis zum Land fliegen, um sich mit den Spatzen zu mischen. Einige Kasematten in Stahlbeton, Hügel mit leeren Augen von Kanonen, und einige Gräben zur Verhinderung von Landungen zeugen davon, dass hier während des Krieges Menschen waren. Jetzt ist die Gegend wüst wie das Meer, ohne ein einziges Haus. Nur hie und da Erde, mit Stoppeln bedeckt, langsam die Farbe entsprechend dem ruhigen Gang von Ochsengespannen. Hier beginnen die Länderein von Pietrapaola, und hier enden die Güter der Barracco, der Berlingieri und der Galluccio (das sind Barone, die ihre Ländereien von den alten Lehensherrn geerbt oder gekauft haben nach dem Ende der Feudalherrschaft um 1800). Ich bin der einzige Reisende, der an der Station Pietrapaola aussteigt. Kein Transportmittel gibt es, das mich in den Ort hochbringen könnte. Der Bahnhofsvorsteher, sein Handlanger, und der Wirt, der Wein für die Tagelöhner ausschenkt, die bei der Eisenbahn arbeiten, betrachten mich mit Erstaunen. Keiner hat ein Gefährt. Nur der Briefträger hat einen alten Esel; er belädt ihn mit dem Postsack und einer Kasse, die für den Priester bestimmt ist. Ich wende mich an ihn, um ihn zu fragen, ob er mir wenigstens einen Esel zur Verfügung stellen könnte für die Reise. Er ist ein schmächtiger Junge, bekleidet mit einer Samtjacke und ein paar verblichenen Hosen. Mit einem Lächeln antwortet er mir, dass man auch mit einem Esel nicht vor dem späten Nachmittag im Dorf ankommen könnte. Es ist kaum 11 Uhr vormittags. Ich mache mich auf den Weg mit dem Briefträger, unter heißer Sonne, auf der Straße, die wie ein Bachbett mit Steinen übersät ist. Er schaut mich neugierig an und fragt mich nach wenigen Minuten, woher ich komme. Von Rom, antworte ich. Aus einem Schweigsamen wird nach wenigen Minuten ein Redseliger, und er sagt mir, er wolle gern nach Rom gehen, um dort eine Anstellung zu finden. Was er erzählt ist bitter. Von ihm erfahre ich, dass er vor dem Krieg begonnen hatte, in einem Priesterseminar in Crotone zu studieren, wo ihn sein Bruder, der Lehrer war, ausgehalten hat. Dann starb der Bruder in Russland, und so hatte sich alles zum Schlechten hin verändert; er kehrte ins Dorf zurück, um 30 km am Tag die Post auszutragen. Kommen Sie an einen Ort, wo es nichts gibt, keine Straßen, kein Licht. Nur kargen Boden zum Hacken. Er verabschiedet sich von mir an dem Haus nahe dem Bahnhof. Es ist ein weites Gebäude, das mitten zwischen den Oliven steht, umgeben von Gebäuden, wo die Lager für Getreide und Oliven sich befinden, die Ölmühle und der Keller. Etwa zwanzig Kinder, ohne Schuhe und schmutzig, spielen vor dem Gittertor. Einige Frauen, die auf den Briefträger zugehen, nicht ohne neugierige Blicke herüberzuwerfen. ..... Der Besitzer und sein Sohn stehen mitten im Lager, um die Beladung der Oliven auf den Lastwagen zu kontrollieren. Der Großoffizier A.C. ist ein beleibter Mann, mit Augen wie ein Falke. Ich frage ihn, ob er mit ein Transportmittel zur Verfügung stellen kann, um hoch zum Dorf zu gelangen. Im ersten Augenblick scheint es, als wollte er sich gleich von meiner Abwesenheit befreien und befiehlt einem Landarbeiter, ein Pferd zu holen. Dann, als er weiß, dass ich aus Rom komme, (auch er wohnt in Rom mit Frau und Töchtern) lässt er mich ins Haus eintreten. Er bringt mich in sein Studio, wo auf dem Tisch als einzige Bücher die Erinnerungen des Casanova aus der Edizione Nerbini liegen, und ein Revolver, griffbereit im halboffenen Futteraal. Er lässt mich das Haus besichtigen, das noch die Spuren eines Baronssitzes bewahrt (Es stammte von einem alten garibaldinischen Senator, ging dann über in die Hände des Barons Berlingieri, der es verkaufte, um zwei Rennpferde zu kaufen.) An den Wänden der Zimmer
sind Bilder von Napoleon und eine Abbildung aus dem 17. Jahrhundert -
sie zeigt einen Vorfahren, der seinen Pflegebefohlenen Vorwürfe macht.
Von der Terrasse, die sich über den Wipfeln der Oliven öffnet,
erstreckt sich das blaue Meer, und auf der anderen Seite der kahle Berg,
der den Ort Pietrapaola versteckt. A.C. zeigt mir auch ein Zahnarztdiplom.
Er hatte sein Glück in Brasilien gemacht, wo er in den verlassendsten
und abgelegensten Dörfern herumreiste mit einem Pferd, einem Schwarzen
und einem Koffer mit seinem Handwerkszeug. Zurück in Italien erwarb
er die 600 Hektar, die er jetzt besitzt,. von dem Baron Berlingueri. Er
wohnt hier für 7 oder 8 Monate im Jahr, die Jagdhunde leisten ihm
Gesellschaft, und im Hof des Hauses tummeln sich in einer Voliere exotische
Vögel, die er sich aus Brasilien kommen lassen hat. Zur Zeit ist Pietrapaola von
Kindern und Alten bevölkert. Die Frauen sind alle bei der Olivenernte,
und die Männer arbeiten mit dem kleinen Pflug auf den Feldern. Im
Dorf befindet sich von den Männern nur der Präsident der Genossenschaft
"Risveglio", ein alter Bauer, der sich wegen seiner Arthritis
nicht bücken kann, und der Priester. Auch hier in Pietrapaola gab es einige Versuche, das Land zu besetzen. Sie sind in den Oleaster-Wald von Passavanti gegangen, das sind etwa 700 tomoli (Morgen??) Land, die für die Jagd reserviert sind sowie auf anderes Land, das nicht bepflanzt war. Dort haben sie mit dem Pflug eine Furche gezogen. Aber dann kamen die Carabinieri von Mandatoriccio, und sie haben davon abgelassen. In Wirklichkeit sind die Bauern von Pietrapaola zu sehr Fatalisten, als dass sie ernsthaft an gewaltsame Aktionen denken könnten wie ihre Leidensgenossen in den Dörfern an der Küste. Mit Mühe haben sie eine Genossenschaft gegründet, weil ihnen Gualtiero gesagt hat, so könnten sie Land erhalten, und bei den Wahlen haben sie die Kommunisten gewählt, aber bei den Kommunalwahlen haben sie wieder Passavanti gewählt. Der aber ist viel zu beschäftigt mit seinen Ländereien, als dass er über die Angelegenheiten des Ortes nachdenken könnte. Das Dorf hat keine Kanalisation, die Abfälle wirft man auf die Straße. Es gibt keine Straßenbeleuchtung, weil die Elektrizitätsgesellschaft eine zu große Summe für die Instandsetzung forderte. Die Schulen sind errichtet in baufälligen Räumen, ohne Bänke und Tafel. Davon abgesehen siond sie wenig besucht. Fast die Hälfte der Kinder kann nicht lesen und schreiben. Die Eltern schicken sie lieber zum Schafe- oder Ziegenhüten. Von sechs Kindern eines Bauern konnte eines lesen. In dieser Jahreszeit sind praktisch alle Kinder damit beschäftigt, ihren Müttern bei der Olivenernte zu helfen. Eine Frau verdient 170 Lire am Tag, aber jeden Abend wird sie durchsucht und kann nicht eine einzige Olive mitnehmen. Die Kinder dagegen können es wagen, einige Handvoll zwischen Hemd und Brust oder in den Hosenaschen zu verstecken, und selbst wenn sie erwischt werden riskieren sie wenig. Der Pfarrer von Pietrapaola ist ein junger Priester aus Tarsia, vor zwei Monaten vom Bischof von Rossano geschickt, um den alten Erzpriester abzulösen, der bei den Bauern verhasst war. Der alte Priester hat offensichtlich die Ländereien der Arcipretura (=Länderein der Kirche am Ort) als sein persönliches Anliegen betrachtet und mit den Bauern sogar während der Messe die entsprechenden Dinge besprochen. Der junge Priester will anders als der alte für die Menschen da sein: Ein einzelnes Dorf in den Bergen, verlassen, wo eine Grundbesitzerbourgeoisie lebt, unfähig, eine soziale Verpflichtung zu empfinden, und die das Land nur begreift als Werkzeug der Ausbeutung auf der einen Seite, und aus misstrauischen Bauern auf der anderen Seite. Das Gesetz dieser Gesellschaft ist nur eines: Der Hass. Ich habe keinen Bauern oder Grundbesitzer von Pietrapaola getroffen, der für den andern ein Wort des Verständnisses gehabt hätte. Auch die unmittelbar Abhängigen sind dienstbereit, aber sie heucheln nicht. sie dienen und hassen. Ein Wachmann von A.C., der mich mit dem Licht zur Treppe des Hauses geleitete, um den Padrone zu grüßen vor dem Weggang, habe ich später am Bahnhof getroffen, als er mit anderen Bauern in einer Schenke saß. Er beteiligte sich am Gespräch."Sie sind alle gleich, alle dieselben." Damit wollte er sagen: Auch meiner, auch der, dem ich gezwungenermaßen Gehorsam geleistet habe." Die einzige Beziehung ist jene, die bei der Arbeit entsteht oder bei der Olivenernte. Endet die Ernte, endet die Beziehung. Der Padrone schließt sich in seinem Haus ein, die Tagelöhner gehen fort mit ihrem Sack Oliven oder ein paar tausend Lire in den Taschen, in die Dörfer in den Bergen oder am Meer, woher sie gekommen sind. Die Wachleute bleiben zurück, um die Gittertore zuschließen und den Padrone zu grüßen, wenn er morgens aufsteht. (Dezember 1949)
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